Die Rheinpfalz schreibt:
Der „Vampir” mag die Kälte nicht
Porträt: Chris Lee, der eigentlich wie der berühmte Dracula-Darsteller Christopher Lee heißt, ist als Verteidiger der offensivstärkste Spieler der Adler Mannheim. Das ist im Eishockey nicht immer ein gutes Zeichen, doch in seinem Fall spiegelt es einfach nur die große Qualität des Kanadiers wider.
Von Oliver Wehner
Mannheim. Zweistellige Minusgrade in der Nacht, Dauerfrost am Tag - da muss sich ein Exil-Kanadier in der Fremde doch so richtig wohl fühlen, oder? Chris Lee winkt ab. „Nein”, entgegnet er, „ich mag die Kälte nicht.” Dabei ist das Wetter in seiner Heimat derzeit in etwa vergleichbar mit den Bedingungen in Mannheim: Minus vier Grad Celsius in MacTier/Ontario, das ist unweit der Georgian Bay und der Seen von Muskoka, „gut zwei Stunden nördlich von Toronto”, erklärt Lee. Er ist für viele Beobachter bisher der beste und konstanteste Adler. Nicht nur statistisch gesehen.
Wenn ein Verteidiger Topscorer einer Eishockey-Mannschaft ist, also zusammengerechnet die meisten Tore und Assists besorgte, dann ist das nicht immer ein gutes Zeichen. So wie vergangene Saison bei den Adlern, als Mario Scalzo diese Liste anführte - auch deshalb, weil die Stürmer in ihrer Kernaufgabe zu unproduktiv waren. Jetzt, da Chris Lee mit elf Toren und 27 Vorlagen vorne liegt, beunruhigt das niemanden. „Unsere Stürmer machen ihren Job”, betont Trainer Harold Kreis, wohlwissend, dass sein spielintelligenter Offensivverteidiger bisher eine überragende Saison abliefert. Er ist weit vor einem Star wie Richie Regehr (Eisbären Berlin) der punktbeste Defender der gesamten Deutschen Eishockey-Liga. Und das, ohne seine Defensivaufgaben zu vernachlässigen - wozu sein Vorgänger Scalzo mitunter neigte.
Das alles freut die Adler - und es besorgt sie dann doch. Denn natürlich erweckt ein solcher Spieler das Interesse zahlungskräftiger Konkurrenz aus Russland und der Schweiz. „Nichts Neues”, beschied Lee gestern auf die jüngst obligatorische Frage nach seiner Zukunft. Als er im Sommer aus Köln kam, hatte er einen Ein-Jahres-Vertrag in Mannheim unterschrieben. „Für mich als Profi ist dieses kurzfristige Denken völlig normal”, erklärt Lee, der in der Saison 2006/2007 in Nordamerika sogar für vier (!) verschiedene Teams spielte. Er lässt sich also nicht verrückt machen, freut sich eher auf den Punktrunden-Endspurt inklusive der kleinen Länderspielpause. „Solch eine Auszeit ist immer willkommen”, sagt der 31-Jährige, „sie macht den Kopf frei, gibt mehr Zeit für die Familie.”
Apropos Familie. Sein vollständiger Name lautet Christopher Lee. Doch an den britischen Schauspieler, der stilprägend wie kein anderer vor und nach ihm dem Vampir Dracula ein schauriges Gesicht gab, dachten Chris Lees Eltern damals nicht, als sie ihr Baby so nannten. Denn: „In Nordamerika ist er kaum bekannt.” Angst und Schrecken verbreitet der ansonsten nette Chris(topher) Lee auf dem Eis aber trotzdem - am liebsten in Überzahl, von der blauen Linie ...
Zur Sache: Die Pause lockt
Verlockende Aussichten: Noch ein Spiel vor der einwöchigen Länderspielpause, heute (19.30 Uhr) im allerdings bitterkalten Sauerland bei den Iserlohn Roosters - und dann winken den Eishockey-Profis der Adler Mannheim fünf freie Tage am Stück. Jedenfalls fast allen: Denn Trainer Harold Kreis reist am Dienstag mit der Nationalmannschaft inklusive seines Verteidigers Nikolai Goc am Dienstag nach Minsk zum Belarus-Cup, wo er Bundestrainer Jakob Kölliker hinter der Bande assistieren wird. „Ein Tapetenwechsel, der auch mal erfrischend ist”, findet Kreis. Was durchaus doppeldeutig zu verstehen ist: In Minsk war's gestern minus 22 Grad Celsius „frisch”.
In Iserlohn kehrt Freddy Brathwaite heute ins Tor zurück, die Knöchelprellung behindert ihn nicht mehr. Die neuen Sturmreihen harmonieren recht ordentlich, vor allem Yanick Lehoux (fünf Tore und vier Assists in den vergangenen fünf Spielen) blüht auf. „Durch seine Position als Mittelstürmer hat er etwas mehr Eiszeit. Er spielt seine Rolle sehr pflichtbewusst, und jetzt wird auch sein offensives Talent herausgehoben”, lobt Kreis den im Saisonverlauf nicht immer so effektiven Kanadier. Zwei fatale Wechselfehler, die zu Gegentoren führten, produzierte am vergangenen Wochenende die junge vierte Sturmreihe - der Lerneffekt dürfte aber gegeben sein ... (olw)



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